Friede auf Erden

Kolumne vom 25. Dezember 2017
von Albert Einstein,
Physiker

Ich bin der gleichen Meinung wie der große Amerikaner Benjamin Franklin, der sagte: es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben.

Ich bin nicht nur Pazifist, ich bin militanter Pazifist. Ich will für den Frieden kämpfen. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern. Um große Ideale wird zunächst von einer aggressiven Minderheit gekämpft. Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg? Jeder Krieg fügt ein weiteres Glied an die Kette des Übels, die den Fortschritt der Menschlichkeit verhindert. Doch eine Handvoll Wehrdienstverweigerer kann den allgemeinen Protest gegen den Krieg dramatisieren.

Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. Ein Zehntel der Energien, die die kriegführenden Nationen im Weltkrieg verbraucht, ein Bruchteil des Geldes, das sie mit Handgranaten und Giftgasen verpulvert haben, wäre hinreichend, um den Menschen aller Länder zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen sowie die Katastrophe der Arbeitslosigkeit in der Welt zu verhindern.

Wir müssen uns stellen, für die Sache des Friedens die gleichen Opfer zu bringen, die wir widerstandslos für die Sache des Krieges gebracht haben. Es gibt nichts, das mir wichtiger ist und mir mehr am Herzen hegt.

Was ich sonst mache oder sage, kann die Struktur des Universums nicht ändern. Aber vielleicht kann meine Stimme der größten Sache dienen: Eintracht unter den Menschen und Friede auf Erden. 


Mensch werden helfen

Kolumne vom 24. Dezember 2017

Obwohl weite Wege am Sabbat eigentlich verboten sind, durfte Josef mich heute holen kommen. So viel Einsicht haben sogar die hohen Priesterherren, dass das neue Leben wichtiger ist als religiöse Vorschriften. Es wurde auch höchste Zeit, denn Maria hat schon die ersten Wehen, und ich muss noch Einiges vorbereiten – unter den nicht gerade optimalen Bedingungen in der Höhle.

Das Messer für das Abschneiden der Nabelschnur habe ich über dem Feuer desinfiziert. Sauberes Wasser aus der Quelle steht auch bereit; ich werde es dann noch temperieren. Das Salz für das Einreiben des Babys musste ich besorgen, weil Maria auf die weite Reise nicht so viel mitnehmen konnte. Josef ist noch die Windeln kaufen gegangen; die hat Maria schön säuberlich gefaltet und zurechtgelegt.

Jetzt suche ich mit Maria noch den besten Ort in der Höhle, wo sie möglichst bequem gebären kann. Es muss genug Platz sein, damit Rahel, die Hirtin, sie von hinten stützen und beim Pressen unterstützen kann. Ich knie dann vor Maria und nehme das Kind in Empfang. Alles werden wir noch dick mit Stroh auspolstern, damit das Fruchtwasser und das Blut aufgefangen werden.

Ich liebe meine Arbeit, und es macht mich stolz, dass in unseren Gebeten Gott als Hebamme besungen wird: “Gott, du hast mich aus dem Mutterschoss gezogen, an der Mutterbrust hast du mich vertrauen gelehrt.“ Menschen zum Menschwerden verhelfen – eine göttliche Aufgabe, die auch in unsere Hände gelegt ist.

von Ruth von Betlehem,
Hebamme

Die kleinen Dinge

Kolumne vom 23. Dezember 2017

Als Abfallprodukt einmal eine so wichtige Rolle zu spielen, das tut gut. Meistens sitzen oder liegen Tiere und Menschen auf mir herum. Ich darf ihnen einen weichen und warmen Platz bereiten, und irgendwann werde ich zu Dünger oder verbrannt. Da ich auch Feuchtigkeit gut auffangen kann, bekomme ich so ziemlich alles mit, was Mensch und Tier so unter sich lassen – und dann lande ich stinkend auf dem Misthaufen.

Jetzt aber geschieht etwas Besonderes hier in dieser Höhle. Die schwangere Maria und ihr Mann Josef waren sicher froh, dass genügend Stroh für ihr Nachtlager da war. Gerade bereiten sie die Futterkrippe vor. Sie versuchen, aus meinen Halmen ein möglichst weiches Bettchen für das Baby zu formen, das bald zur Welt kommen soll. Deshalb mischen sie auch noch etwas Heu darunter.

Alle ringsherum sind voller Erwartung. Die Sorge, ob hier alles gut geht mit der Geburt mischt sich mit der Vorfreude auf das neue Leben. Luxus und Glamour können die Eltern und die Hirtinnen und Hirten dem Neugeborenen nicht bieten – aber darauf kommt es gar nicht an für ein gelungenes Leben.

Wahrscheinlich wird die ein oder andere Hirtin während der Geburt vor lauter Nervosität auf einen Halm von mir herumkauen. Und Ochs und Esel werden sich an mir gütlich tun – es ist auch schön, Nahrung für Andere zu sein...

Vielleicht kann ich die Menschen ein wenig sensibel dafür machen, wie wichtig gerade die kleinen und wertlos erscheinenden Dinge im Leben sein können – und dass alle vergänglich sind.

von Stroh in der Futterkrippe,
Betlehem

Einsiedlers Heiliger Abend

Kolumne vom 22. Dezember 2017

Ich hab' in den Wehnachtstagen – 
Ich weiß auch, warum – 
Mir selbst einen Christbaum geschlagen, 
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele 
Und steckte ihn da hinein 
Und stellte rings um ihn viele 
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter 
Zu sparen, ihn abend noch spät 
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter 
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde 
Mir Erbsensuppe und Speck 
Und gab meinem fröhlichen Hunde 
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle 
Das Pfannenflickerlied. 
Und pries mit bewundernder Seele 
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken 
Später der Lampendocht. 
Ich saß in Gedanken versunken. 
Da hat's an der Tür gepocht,

Und pochte wieder und wieder. 
Es konnte das Christkind sein. 
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder? 
Ich aber rief nicht: „Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise 
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, 
Und dankte auf krumme Weise 
Lallend dem lieben Gott.

von Joachim Ringelnatz,
Schriftsteller und Kabarettist

Bei warmherzigen Menschen und Tieren

Kolumne vom 21. Dezember 2017

Gott sei Dank haben wir in dieser Höhle noch einen Unterstand für unsere Herde gefunden. Wegen dieser Steuergeschichte sind die meisten Höhlen schon von Leuten besetzt, die keine Unterkunft  mehr gefunden haben. Aber auch unsere Schafe brauchen Schutz vor der Kälte der Nacht!

Mir gefällt es, dass wir jetzt mit einer schwangeren Frau zusammen sind. Die Schafe sorgen auch dafür, dass es etwas wärmer ist hier drin – mit dem Feuer allein kann man nicht die ganze Höhle heizen... Natürlich tut mir Maria auch leid, dass sie unter solchen Umständen wird gebären müssen. Aber ihr Mann kümmert sich rührend um sie, und auch zu uns ist er sehr nett. Wir haben ihm deshalb auch angeboten, die Futterkrippe für das Baby freizumachen, wenn es dann da ist.

Josef müsste ja als frommer Jude eigentlich Abstand zu uns halten, denn Hirtinnen und Hirten gelten als unrein. Wir sind täglich im Kontakt mit den Tieren, da können wir die Reinheitsvorschriften gar nicht einhalten. Ganz davon abgesehen – unsere Bezahlung ist auch mies; so sind auch unsere Kleider nicht gerade schön. Jedenfalls gehen uns viele Menschen aus dem Weg – die Wolle und das gute Fleisch nehmen sie dann trotzdem gerne!

Ich verstehe nicht, warum die sogenannt frommen Menschen uns so verachten. Der Gott, den sie verkünden, ist doch ein Gott der Armen, der Sklaven – jedenfalls hören wir das, wenn sie einmal aus ihren heiligen Schriften vorlesen. Zwischen diesen Sabbatreden und ihrem Alltag gibt es einen grossen Graben. Es wäre gut, wenn mal wieder ein Prophet käme, der ihnen das sagt.

von Rahel von Kapharnaum,
Hirtin

Eselsgeduld und -zorn

Kolumne vom 20. Dezember 2017

Schön, dass ich jetzt einmal mitten dabei sein kann. Sonst komme ich immer in einen Stall, wenn mein Herr Josef irgendwo auswärts ist. Aber hier in dieser Höhle, da gehöre ich dazu.

Die Reise von Nazareth nach Betlehem war schon anstrengend. Mit der schwangeren Maria auf dem Rücken habe ich natürlich probiert, trotz der holprigen Strassen keinen Fehltritt zu tun – und spürte jeweils Maria vor Schmerzen zusammenzucken, wenn es doch passiert ist.

Die Reise war natürlich eine willkommene Abwechslung zum eher langweiligen Alltag als Lastträger für Josefs Holzbaufirma. Da kommt man als Esel nicht so weit herum, und die scharfkantigen Hölzer auf dem Rücken sind auch nicht gerade angenehm. Und Josef lädt ziemlich auf, wenn er mich auch meistens gut behandelt. Jetzt merke ich, wie nervös Josef ist vor der Geburt seines Kindes.

Irgendwie gehöre ich ja zur Familie, und ich bin froh, dass noch nie ein römischer Soldat auf die Idee gekommen ist, mich zu konfiszieren. Der Kriegsdienst bei den Römern ist hart, und oft lassen die Soldaten oder die Guerilla ihren Frust an den Tieren aus.

Hier in Betlehem herrscht allgemein eine aufgeheizte Stimmung. Die einen reden davon, dass der Messias bald kommt, und die anderen (von der Herodes-Partei) beschwören den grossen Verrat herauf, den man mit Gewalt bekämpfen müsse. Ich hoffe, dass der Frieden noch ein bisschen hält, und dass wir wohlbehalten wieder nach Nazareth kommen. Wenn dann einer unserer lieben Maria und ihrem Kind etwas antun will, dann wird er meine kantigen Hufe zu spüren bekommen!

von Esel Asiluz,

Der traurige Engel

Kolumne vom 19. Dezember 2017

Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. im August 1914 den Krieg verkündet, meldet sich der junge Peter Kollwitz freiwillig zum Kriegsdienst. Er ist gerade 18 Jahre alt. Mein jüngster Sohn will dabei sein, wie sein älterer Bruder, wie viele Jungen seiner Generation.

Beim Abendessen bittet er uns, seine Eltern, als Soldat kämpfen zu dürfen. Als sozialdemokratischen Eltern sind wir nicht begeistert darüber, geben aber schließlich unser Einverständnis. Peter ist liebenswürdig und humorvoll. Mir gefallen die gemütlichen Lachfalten rund um seine Augen. Dass er Maler werden will, verbindet ihn mit mir. Doch der Erste Weltkrieg verändert alles für unsere Familie.

Mit Euphorie ziehen täglich die Freiwilligen für Kaiser und Vaterland in den Krieg. Keiner von ihnen ahnt, wie zerstörerisch die technischen Erfindungen den Krieg beeinflussen. Neue Waffen mit verbesserter Technik machen es möglich, schnell, massenhaft und effizient zu zerstören und zu töten.

Am 12. Oktober nimmt Peter Abschied von uns, es geht für ihn an die Front. Ich gebe ihm Goethes Faust und ein Taschenschachspiel mit. Zum ersten Mal hänge ich die schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Fenster. Ein letzter Abschiedsgruß an den geliebten Sohn. Und fortan die Sorgen: Wo ist er? Friert er? Hungert er? Ist er in Gefahr?

Keine Woche später fällt Peter in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober in Flandern. Am 30. Oktober erhalten wir die nüchterne Nachricht: "Ihr Sohn ist gefallen." Peter ist einer von mehr als neun Millionen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg sterben.

(Nach dem Tagebuch von Käthe Kollwitz. Sie wird ihr ganzes Leben von diesem Verlust geprägt sein. Sie zeichnet und gestaltet engagiert gegen den Krieg und für den Frieden. Ernst Barlach hat seinem «Schwebenden Engel» das Gesicht von Käthe Kollwitz gegeben.)

von Käthe Kollwitz,
Künstlerin

Ungebetene Gäste

Kolumne vom 18. Dezember 2017

Ich will ja nicht klagen, aber die Geschäfte laufen hier in der Hotellerie in Betlehem nicht so toll. Alle wollen in die Metropole, nach Jerusalem; da sitzen die einflussreichen Menschen in Finanzen, Politik und Religion.  Von den paar Leuten, die wegen der Herkunft des legendären Königs David nach Betlehem kommen, kann ich nicht lebe. Ich muss froh sein um die römischen Offiziere, die auf der Durchreise regelmässig hier haltmachen und die Ruhe vor dem Stress der Provinzhauptstadt suchen.

Und jetzt haben wir plötzlich einen Massenansturm, wegen der Steuerlisten, die die Römer neu einführen. Die Stadt ist für ein paar Tage überfüllt, ich könnte dreimal mehr Zimmer vermieten, als ich habe. Die Preise habe ich schon verdoppelt, aber manche bieten noch mehr, um nur ein Dach über dem Kopf zu bekommen.

Da ist mir dieser Josef aus Nazareth mit seiner hochschwangeren Braut ziemlich schräg reingekommen. Der hat gebettelt und auf die Tränendrüsen gedrückt, aber zu bieten hatte er nichts. Der hat wohl auch nicht nachgedacht, was es heisst, eine Schwangere mitzunehmen – wenn die dann gebiert, mit all dem Blut und dem Geschrei die ganze Nacht. Das stört die anderen Gäste, und niemand erstattet mir die Reinigungskosten! Das hätte er sich vorher überlegen müssen und seine Frau zu Hause lassen. Die Gegend, aus der er kommt, hat auch keinen guten Ruf. Das hätte nur Ärger gegeben.

Ja nun, er ist dann ziemlich zerknirscht abgezottelt – hoffentlich höre ich nie mehr was von diesem Josef. 

Bild aus der Graffitti-Krippe von Ezra Pirk.

von Aram von Betlehem,
Wirt

Gefährdet und gefährlich

Kolumne vom 17. Dezember 2017

Ich bin eine von unzähligen Kerzen, die zu «eine Million Sterne» gehören. Freiwillige zünden in der ganzen Schweiz an vielen Orten Kerzen an öffentlichen Plätzen an – zum Beispiel vor der Luzerner Hofkirche. Sie bringen damit ihre Solidarität mit denen zum Ausdruck, für die die Weihnachtszeit besonders schwierig ist: Alleinerziehende und ihre Kinder, Familien, bei denen das Einkommen nicht reicht, Benachteiligte in unserer Gesellschaft.

Kerzenlicht – das ist etwas besonders, in verschiedener Hinsicht. Das meiste verbindet mich mit den Fackeln, die in der Höhle gebrannt haben, wo Jesus geboren wurde.

Kerzenlicht flackert, bewegt sich unruhig, wenn Wind es ergreift. Dieses Flackern ergibt ein ganz anderes Licht als das elektrische Kunstlicht, das immer gleich hell ist. Kerzenlicht bringt Bewegung in Dinge, die eigentlich stillstehen. Kerzenlicht fasziniert die Augen, weil es vielfältige Schatten wirft. Kerzenlicht ist nicht optimal zum Lesen, aber zum Träumen. Ich frage mich, wie es einer Gesellschaft, einer Kultur ging, die gar kein Kunstlicht kannte, sondern immer nur das Flackern der Kerzen und Fackeln….

Kerzenlicht ist gefährdet und gefährlich. Heute war ich gefährdet durch Wind und Schnee; zweimal wurde ich ausgelöscht und erst durch hartnäckige Helferinnen wieder zum Leuchten erweckt. Kerzenlicht erzählt vom Leben, das nicht selbstverständlich ist, sondern immer prekär – von der Krippe bis zum Galgen. Und Kerzenlicht ist gefährlich – und darum in Altersheimen meist verboten. Es könnte entzünden, was es nicht sollte…

Ich bin stolz, eine Kerze zu sein, und ich hoffe, dass mein Licht in manchen Herzen etwas bewegt.

von Kerze bei "Eine Million Sterne",
Hofkirche Luzern

Der Arbeitslose als Baumhalter

Kolumne vom 16. Dezember 2017

Die Szene spielt in einer armseligen Stube – der Krippe ähnlich.

Die Mutter (Liesl Karlstadt): Das ist recht - da hast ja's Bäumerl, ah der is nett - wunderschön. Der Vater (Karl Valentin): No ja, kindisch ist er halt. Mutter: Er gehört ja auch nur für d'Kinder. Vater: Ja, ich war in zwei Christbaumfabriken, und da hams mir den geben. Mutter: Ja, da is ja kein Christbaumbrettl (Ständer) dran, hast dus verloren? Ich hab doch ausdrücklich gsagt, du sollst an Baum mit Brettl bringen. Vater: Ja, der hat ja keins. Mutter: Das seh ich ja, daß er keins hat. Vater: Wie kannstn das sehn, wenn keins dran ist?

Mutter: Aufgschriebn hab ich dirs sogar, an Baum mit Brettl! Vater: Ja, die haben lauter Bäum mit Brettl ghabt, das war der einzige ohne Brettl. Mutter: Und den hast extra rausgesucht? Vater: Aber so ist er doch viel natürlicher, im Wald wächst er doch auch ohne Brettl. Mutter: Aber den kann man doch nicht brauchen, den kann ich ja nicht hinstellen am Tisch.

Vater: Dann legn man halt heuer hin - jetzt ham man fünfzehn Jahre hingstellt, jetzt legn ma amal heuer hin. Mutter: Ich möcht doch den Baum aufputzen. Ich hab solche Sprüch gmacht bei den Kindern, ich hab gsagt, wenn du kommst, dann kommt 's Christkindl auch gleich. Und jetzt bringt er an Baum ohne Brettl! Da wärs mir schon lieber gwesn, du hättst bloß a Brettl bracht und gar koan Baum. Vater: Am Brettl allein hätten die Kinder auch kei Freud ghabt. Mutter: Aber so kann ich ihn nicht hinstellen!

Vater: Ja, dann halt ich ihn halt. Mutter: Geh, du kannst doch nicht bis am heilen Dreikönigstag so dastehn und kannst den Baum halten. Vater: Warum nicht, ich hab ja so nichts zu tun, ich bin ja arbeitslos. Mutter: Aber da sind doch noch vierzehn Tag hin, du kannst doch nicht Tag und Nacht den Christbaum halten, du mußt doch auch manchmal wieder amal nausgehen. Vater: Dann nimm ich ihn mit. 

von Liesl Karlstadt,
Kabarettistin

Graffitti-Krippe

Kolumne vom 15. Dezember 2017

Die Idee der Krippe ist nicht reines Betrachten und Zuschauen. Die Krippe (eine Art 3D-Comic) will die Menschen in das Geschehen hineinziehen, zur Mensch-Werdung einladen. Ezra Pirk löst diesen Anspruch ein, indem er mit Spiegeln arbeitet. Diese erlauben es den Betrachtenden, sich selbst als Teil der Geschichte zu erfahren und darüber nachzudenken, wo der eigene Platz darin sein könnte.

Die Krippe erzählt eine Geschichte, die vor zweitausend Jahren spielt. Eine fremde Welt also, mit grossem Abstand zu uns. Und zugleich hat es darin Aspekte, die sehr aktuell sind: Eine Besatzungsmacht, die die Menschen auspresst und unterdrückt; Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen und an den „normalen“ Orten keinen Platz finden, ein neugeborenes Kind, das für das wahre Menschsein steht, eine Friedensbotschaft für alle Menschen guten Willens, ein Paar mit einem Baby, dass durch die Willkürherrschaft eines Despoten zur Flucht gezwungen wird. Ezra Pirk baut einerseits Brechungen in das Bild ein, um den Abstand zur – durchaus erkennbaren – ursprünglichen Geschichte deutlich zu machen; andererseits interpretiert er die Abweisung des Paars mit der schwangeren Mutter in der Herberge mit modernen Bildelementen.

Die römische Besatzungsmacht zwang alle Einwohner Palästinas, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Dies hatte in der Heimatstadt zu geschehen. Josef brach also mit der schwangeren Maria nach Betlehem auf. Trotz intensiver Suche war kein Hotelier zu finden, der mit der Hochschwangeren Erbarmen hatte und eine Unterkunft zur Verfügung stellte. So mussten Maria und Josef in eine Höhle ausweichen, die als Unterstand für Hirten und ihre Herden diente. Ezra Pirk deutet die unbarmherzige Ablehnung – symbolisiert durch die abweisende Hand im Zentrum des Bildes – im heutigen Kontext von Fluchtbewegungen, Abschottung, Träumen von einer besseren Welt für alle.

Zur Graffitti-Krippe

von Ezra Pirk,
Grafftti-Künstler

Farben sprechen

Kolumne vom 14. Dezember 2017

Das helle, fast weisse Braun
der Schafswolle

Das dunkle, fast schwarze Braun
der Erde

Das milde, fast goldene Braun
des Strohs

Das harte, fast stählerne Braun
des Holzes

Das warme Braun
des Fells von Ochs und Esel

Das scharf geschnittene Braunschwarz
der Schatten im Licht der Fackel

Das gegerbte Braun
der Hirtenhände

Das jugendliche Braun
im Gesicht der Mutter

Das strahlende Braun
im Augenstern des Neugeborenen

Das blaue Schwarz
des Himmels

Das weisse Gelb
der Sterne

Und eine silberne Ahnung
von Engeln

 

Florian Flohr

von Farben der Krippe,

Chanukka - Licht im Dunkel

Kolumne vom 13. Dezember 2017

 Heute beginnt das jüdische Chanukka-Fest. Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) nach der Entweihung durch die griechischen Eroberer. Zu diesem Anlass musste der siebenarmige Leuchter, die Menora, angezündet werden. Es war aber nur geweihtes Öl für einen Tag da, die Beschaffung von neuem hätte aber acht Tage gedauert. Nun hatte man ein Problem: zum einen durfte dieser Leuchter niemals ausgehen. Zum anderen wollte man aber mit der Tempeleinweihung nicht mehr warten. Da geschah ein Wunder: Der Leuchter brannte mit dem wenigen Öl acht Tage durch. So konnte wieder geweihtes Öl herbei geschafft werden. Deshalb hat der Chanukkaleuchter 8 Kerzen, die den acht Tagen entsprechen und eine neunte Kerze, die als Diener die anderen acht entzündet.

Am achtarmigen Chanukkaleuchter wird täglich ein Licht mehr angezündet und zwar immer von rechts nach links. Chanukka wird auch als Lichterfest bezeichnet. Und so stellen Juden auf der ganzen Welt ihren Chanukkaleuchter ins Fenster. Obwohl sich Weihnachten und Chanukka vom historischen Hintergrund her unterscheiden, haben einige der jüdischen Bräuche das Weihnachtsfest, wie es heute gefeiert wird, sicher beeinflusst. In der Chanukka-Zeit versammeln sich die jüdischen Familien an den Abenden mit Freunden zu ausgelassenen Festen. Gemeindefeiern sind üblich, die Kinder bekommen Geschenke und Süßigkeiten. Der Brauch, zu Chanukka Gänsebraten zuzubereiten, wird mit dem anfallenden Fett begründet, das man ja auch in Leuchtern verbrennen kann. So lassen sich die Lichter am Weihnachtsbaum, der Brauch, die Kinder zu beschenken und die Weihnachtsgans auf den Einfluss jüdischer Bräuche zurückführen. 

 

von Chanukka Leuchter,

Bistu Gott?

Kolumne vom 12. Dezember 2017

Der Prediger und Dichter Johann Caspar Schade hat 1690 das Verwirrende am Verhältnis zu Gott in ein sehr modernes Gedicht gefasst, das angesichts des Kindes in der Krippe besonders stark wirkt.

GOTT / du bist mein GOTT.
         bistu mein GOtt?
         Gott du bist mein.
         Du GOtt bist mein.
         mein GOTT bist DU.

DU GOtt bist mein GOtt.
         mein GOtt / bist GOtt.
         bist mein GOtt / GOtt.
         GOtt / GOtt bist mein.
         GOtt mein GOtt BIST.

BIST du GOtt mein GOtt?
         mein GOtt / du GOtt.
         du mein GOtt / GOtt?
         GOtt / du mein GOtt.
         du GOtt / GOtt MEIN?

MEIN Gott / bistu Gott?
         Gott du bist / Gott.
         Bistu GOtt / GOTT.
         Gott / Gott bistu.
         Gott / du Gott bist.

GOTT / Gott bistu mein?
         mein Gott du bist.
         bistu / GOtt mein?
         Gott / du mein bist.
         Gott / mein bistu.

AMEN.

von Johann Caspar Schade,
Prediger und Dichter

Die Erde ist die Wurzel

Kolumne vom 11. Dezember 2017

Zur Krippe gehört auch die Stimme der Bauern aus missachteten Volksgruppen weltweit, wie  der Hirten im damaligen Palästina. Zum Beispiel von Rigoberta Menchú, Kämpferin für die Rechte der indigenen Bauern in Lateinamerika:

Die Erde ist die Wurzel und die Quelle unserer Kultur. Sie bewahrt unsere Erinnerungen auf, sie nimmt unsere Vorfahren auf und deshalb fordert sie, dass wir sie ehren und ihr mit Liebe und Respekt das Gute zurückgeben, das sie uns gibt. Wir müssen auf sie aufpassen und nach der Mutter Erde schauen, damit unsere Kinder und Enkel weiter von ihr profitieren können. Wenn die Welt jetzt nicht lernt, die Natur zu respektieren, was für eine Zukunft werden dann kommende Generationen haben?

Wenn die Indianer-Kultur und die europäische Kultur zum friedlichen und harmonischen Austausch in der Lage gewesen wären, ohne Zerstörung, Ausbeutung, Diskriminierung und Armut, hätten sie zweifellos größere und wertvollere Errungenschaften für die Menschheit erzielen können.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es - als die Europäer nach Amerika kamen - dort blühende und starke Kulturen gab. Man kann nicht von einer Entdeckung Amerikas sprechen, denn man entdeckt etwas, von dem man nicht wusste oder was versteckt war. Aber Amerika und seine eingeborenen Kulturen hatten sich selbst entdeckt lange vor dem Ende des Römischen Reiches und dem mittelalterlichen Europa. Seine Kulturen bilden einen Teil des menschlichen Erbes und erstaunen nach wie vor die Gebildeten.

Ich denke, es ist notwendig, dass das Volk der Indianer, dem ich angehöre, mit unserer Wissenschaft und unserem Wissen einen Beitrag leisten sollte zur Entwicklung der Menschheit, denn wir haben ein riesiges Potential und wir könnten unser sehr altes Erbe integrieren in die Errungenschaften der Kultur in Europa wie auch in anderen Teilen der Welt...

Rigoberta Menchú, Friedensnobelpreis 1992

von Rigoberta Menchú,
Bäuerin und Friedensnobelpreisträgerin

Psalm der Menschenrechte

Kolumne vom 10. Dezember 2017

Die jüdischen Psalmen gehören zu den ältesten Gebeten der Welt. Auch zur Zeit der Geburt Jesu haben tausende von Menschen ihre Not und ihre Hoffnung in diese Worte gefasst. Der Priester und Dichter Ernesto Cardenal hat sie neu gestaltet – hochaktuell zum heutigen Tag der Menschenrechte.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir!
Ich flehe Dich an, nachts, in meinem Gefängnis,
im Konzentrationslager,
in der Folterkammer,
im Dunkelarrest
und während des Kreuzverhörs.
Höre meine Stimme,
        mein S.O.S.

Führest Du ein Sündenregister -
Herr, wer wäre ohne Schuld?
Du aber vergibst die Sünden,
Du bist nicht unversöhnlich wie die Untersuchungsbeamten!

Ich vertraue dem Herrn und nicht den Führern,
nicht den Schlagwörtern.
Ich vertraue dem Herrn und nicht ihren Radiosendungen!

Meine Seele wartet auf den Herrn -
sehnsüchtiger als der Wächter auf die Morgenröte,
inbrünstiger, als man im Kerker die Stunden der Nacht zählt.

Während man uns gefangenhält,
feiern sie Feste!
Aber der Herr macht frei.
Er ist Israels Freiheit.

Psalm 130 nach Ernesto Cardenal

von Ernesto Cardenal,
Priester und Dichter

Stallgeruch

Kolumne vom 09. Dezember 2017

Zugegeben – bei mir riecht es nicht so toll. Ist ja auch klar, denn es sind regelmässig Schafe, Ziegen und Esel hier drin, mit ihren Hirten. Natürlich riecht es auch nach kaltem Rauch und Russ – die Feuerstelle wird oft benutzt.

Ich als Höhle biete genügend Platz für eine kleine Herde, und deshalb kommen viele Hirten regelmässig hierher. In meiner schönsten Ecke haben sie eine feste Futterkrippe aufgebaut. Nachts, wenn es kalt wird, biete ich Schutz vor dem eisigen Wind, und wenn ein Feuer brennt, kommen auch keine Raubtiere und Schlangen.

Wenn keine Tierherde da ist, verstecken sich manchmal auch Liebespaare hier. Im Schutz der Dunkelheit können sie unbeobachtet ihre Liebe entdecken. Nur müssen sie aufpassen, dass sie meinen Stallgeruch nicht zu stark annehmen, sonst merken dann die Eltern, wo sie waren, und es gibt unangenehme Fragen.

Römische Soldaten kommen selten hier vorbei. Sie suchen dann nach Aufständischen. Aber eigentlich liege ich dazu viel zu nahe bei der Stadt. Wer sich wirklich vor den Römern in Sicherheit bringen will, muss weit in die Berge hinein, wo sie sich nicht hintrauen.

Demnächst werde ich wohl wieder zur Notunterkunft. Das ist immer so, wenn in der Stadt ein grosser Anlass stattfindet und alle Herbergen ausgebucht sind. Die Hirten erzählen, dass bald alle nach Betlehem kommen müssen, die von hier stammen. Das wird einen Trubel geben.

von Höhle ohne Namen,
bei Betlehem

Starke Frauen

Kolumne vom 08. Dezember 2017

Erwachsen werden, schwanger sein, heiraten, eine Familie gründen, Verantwortung für ein kleines Lebewesen übernehmen – da kommt gerade ein bisschen viel zusammen! Gott sei Dank sind die Tage und Wochen vorbei, an denen es mir jeden Morgen furchtbar schlecht war und ich mich oft übergeben musste. Körperlich fühle ich mich fit, und es ist schön zu spüren, dass da ein kleiner Mensch in mir lebt, „turnt“ und stupst.

Aber diese Reise nach Betlehem hätte jetzt wirklich nicht sein müssen. Ich merke, dass meine Eltern und mein Mann sich grosse Sorgen um mich machen. Und ich habe auch wenig Lust, mich unterwegs von all den vielen Leuten als Hochschwangere angaffen zu lassen. Irgendwie werden wir das schaffen – und hoffentlich sind wir noch vor der Geburt wieder zurück zu Hause. Hier kenne ich meine Hebamme, und die ganze Verwandtschaft kann mich unterstützen.

Natürlich mache ich mir viele Gedanken. Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Josef wäre wohl stolz über einen Sohn und Stammhalter, aber ich hätte ebenso gern ein Mädchen – wenn die es auch in unserer Welt nicht so einfach haben. Und werde ich der Rolle als Mutter gerecht werden können? Ich werde weniger Freiheiten haben als vorher... Auf jeden Fall habe ich ein paar gute Freundinnen, mit denen ich über alles reden kann, zum Beispiel Elisabeth. Die will ich vor Betlehem auf jeden Fall nochmals besuchen!

Gut, kann ich auch an die starken Frauen in unserer Geschichte denken, vor allem meine Namenspatronin, die Prophetin Mirjam, die die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten so wunderbar besungen hat, und Debora und Hanna, deren Lieder wir immer wieder hören. 

von Mirjam von Nazareth,

Böse Träume

Kolumne vom 07. Dezember 2017

Jetzt laufen die Geschäfte einigermassen, und dann das! Wegen dieser Registrierung bei der römischen Steuerbehörde bin ich sicher zwei Wochen unterwegs und kann meine Aufträge nicht termingerecht ausführen – wer ersetzt mir den Schaden? Und dann werden sicher auch die Steuern noch mehr ansteigen, wo uns die römischen Besatzer doch schon genug auspressen.

Es ist zwar schön, mal wieder in meine Heimatstadt zu kommen. Ich werde sicher ein paar alte Bekannte treffen. Aber gemütlich ist es in der überfüllten Stadt sicher nicht! Und dann der Weg dorthin, mit Maria, die schon hochschwanger ist. Alle paar Kilometer gibt es eine Strassensperre mit römischen Soldaten, und man weiss nie, wie die gerade drauf sind und was passieren kann, wenn sie eine so hübsche junge Frau wie meine Maria sehen. Ich habe schon ganz böse Träume.

Bald werde ich eine kleine Familie zu ernähren haben, und ich mache mir jetzt schon Sorgen, wie ich das stemmen soll. Von den Römern habe ich bis jetzt keinen einzigen Auftrag gekriegt, und der Mittelstand leidet allgemein unter der Besatzungsmacht. Mit den paar superreichen Priestern und Adligen komme ich sowieso nicht ins Geschäft. Wer wird mir also noch Arbeit geben?

Manchmal verstehe ich die jungen Männer, die mit Waffen gegen die Römer kämpfen. Ich weiss auch nicht, wie ich reagieren werde, wenn meine wirtschaftliche Lage einmal hoffnungslos ist. Zudem ist es bedrückend, dauernd in Unfreiheit zu leben – regiert von Menschen, die unsere Kultur und Religion verachten.

von Josef von Betlehem,
Holzbauunternehmer

Sorgen einer Grossmutter

Kolumne vom 06. Dezember 2017

Kleine Kinder, kleine Sorgen; grosse Kinder, grosse Sorgen. Ja, das ist wirklich so! Es waren zwar schwierige Zeiten, als ich selbst nicht schwanger wurde und schon dachte, dass ich kein Kind bekommen könnte. Mein erster Mann Joachim wurde auch sehr unruhig und meinte, er blamiere sich vor der ganzen Sippe mit mir. Dann hat es doch noch geklappt und Maria kam zur Welt.

Ich bin froh, dass auch mein zweiter Mann Kleophas Maria akzeptiert hat und sich einigermassen mit Josef, ihrem Mann, versteht. Ab und zu streiten sie sich über das Geschäft, weil Kleophas meint, er kenne sich in Geldsachen besser aus als Josef, der ganz in seinem Holzbaubetrieb aufgeht. Doch meistens haben wir es friedlich, wenn wir zusammensitzen.

Aber jetzt, wo Maria schwanger ist, schlafe ich nicht mehr ruhig. Irgendwie spüre ich Spannungen beim jungen Paar. Maria will leider nicht mit mir darüber reden, sie wimmelt mich jedesmal ab, wenn ich sie darauf ansprechen will.

Und jetzt soll sie auch noch den langen Weg nach Betlehem auf sich nehmen. Das wird sicher sehr anstrengend, und es sind so viele Leute unterwegs wegen dieser Registrierung in die römischen Steuerlisten. Das ist doch viel zu gefährlich für eine hochschwangere Frau. Aber wie die jungen Leute so sind, sie wollen keine Gefahr sehen und ihren Kopf durchsetzen... 

von Anna, Grossmutter Jesu,

Ruhe und Ordnung!

Kolumne vom 05. Dezember 2017

Schon wieder so ein blöder Befehl aus Rom. Die wissen ja gar nicht, was sie da anrichten. In meiner Provinz Syrien sind die Leute sowieso schon aufsässig, besonders diese Juden. Meine Soldaten merken die feindselige Stimmung jeden Tag, und immer wieder kommt es zu Attentaten. Und jetzt sollen wir die Gegend noch mehr auspressen, noch mehr Steuern verlangen?

Klar, es wird viel übersichtlicher, wenn wir alle in ein Steuerregister eintragen. Aber der Aufwand! Und sicher nehmen das wieder einige Scharfmacher zum Anlass, das Volk gegen uns Römer aufzuwiegeln. Sie hätten ja wenigstens ein paar Erleichterungen in die Verordnung einbauen können, zum Beispiel für Kranke oder für schwangere Frauen. Kaiser Augustus ist so stur! Und wir vor Ort müssen es wieder ausbaden.

Diese Juden sind aber auch besonders schwierig, denn sie haben gerade Angst, ihre Religion zu verraten, wenn sie Münzen mit dem Bild unseres Kaisers in die Hand nehmen. Dabei ist das doch das normalste auf der Welt! Geld und die, die über das Geld bestimmen, regieren die Welt. Wenn jemand das nicht kapiert, dann müssen wir einfach hart durchgreifen und Exempel statuieren. Das Rezept habe ich in anderen römischen Provinzen schon erfolgreich angewendet. Und die meisten Oberpriester der Juden kuschen schon und rufen das Volk auf, sich nicht zu widersetzen. Ein bisschen Schmiergeld hat schon immer geholfen… Hoffen wir mal, dass wir den Kaiser zufrieden stellen können, ohne dass es allzu grosse Opposition gibt.

 

von Publius Sulpicius Quirinius,
Statthalter in Syrien

Ich in der Krippe?

Kolumne vom 04. Dezember 2017

Man kann sie als Kitsch verachten, als Kunstwerk oder Folklore betrachten, als Familienerbe pflegen: die Weihnachtskrippen. Für diese Weihnachtszeit schlage ich eine andere Perspektive vor: Wie und wo kommen wir selbst in der Krippe vor?

Krippen stehen dieser Tage überall, in Schaufenstern und Weihnachtsdekorationen, auf Plätzen, in Kirchen und in vielen Wohnungen. Da finden sich die üblichen Figuren: Jesus, Maria, Josef, Ochs und Esel, Schafe und Hirten und die drei Weisen, vielleicht ein Engel. Natürlich löst diese Szenerie oft einen „Jö“-Effekt aus: „Jö, wie herzig, das Baby und die Schöfli...“ Aber das kann nicht der eigentliche Sinn der Krippe sein.

Die Krippe hat den Vorteil, dass sie nicht einfach mit Worten von der Geburt in der Höhle bei Betlehem erzählt, sondern mit greifbaren Figuren und realistischer Umgebung. Das erleichtert die Identifikation. Es geht darum, sich selbst in die Szene hineinversetzen zu können. Das sollten wir nicht nur den Kindern im Krippenspiel oder Schauspielerinnen und Schauspielern überlassen.

Jede und jeder kann überlegen, wo sein oder ihr Platz in der Krippe wäre, in welcher Figur man/frau sich wiedererkennt oder ob man/frau als eigene, neue Figur hinzutreten möchte. Die Kolumnen in den folgende Tagen lassen daher Figuren zu Wort kommen, die in der Krippe vorkommen können.

von Florian Flohr,
Theologe